Eine Zeitreise zu den Bewässerungskanälen des Wallis

In den 1980er Jahren wurden sie wiederentdeckt: diese »künstlichen, in Bergflanken hineingebohrten und -gebauten Kanäle, die die zur Bodenbewirtschaftung so wichtige Bewässerung ermöglichten, indem sie über mehrere Kilometer Wasser transportierten«. So beschrieb Auguste Vautier (1942: 19) die Bewässerungskanäle, von denen hier die Rede ist. Über ihren ursprünglichen Zweck hinaus, sind sie heute auch für den Tourismus von Belang. Unter anderem haben sie zur Einrichtung beliebter Wanderwege beigetragen. Doch im Zusammenhang mit den Commons sind sie vor allem wegen ihrer Langlebigkeit und ihrer Bewirtschaftungsform von Interesse.

Im Schweizer Alpenkanton Wallis ist in Urkunden aus dem 13. Jahrhundert erstmals von den Bewässerungskanälen die Rede. Die Dokumente verweisen auf Bauwerke, die wahrscheinlich 200 Jahre zuvor errichtet wurden. Doch erst das 15. Jahrhundert wurde zum goldenen Zeitalter der sogenannten »bisses«. Historisch erklärt sich die Entwicklung des Kanalnetzwerks mit Ereignissen, die in ganz Europa fürchterliche Spuren hinterließen: die Pest von 1348 und die Seuchen, die ihr folgten. Diese Epidemien haben die Walliser Bevölkerung hart getroffen, sie wurde um mindestens 30 bis 50 Prozent dezimiert. Die Verringerung der Bevölkerungsdichte in den Alpen führte wiederum dazu, dass Land, welches zuvor für den Getreideanbau benötigt worden war, verfügbar wurde. Gleichzeitig stieg in den norditalienischen Städten die Nachfrage nach Rindfleisch stark an. Beides zusammen brachte die Walliser Bauern dazu, ihr Land in Heuwiesen umzuwandeln, weil sie ihre Viehherden vergrößern wollten. Um Wasser aus den Bergen zu ihren Grünlandflächen zu befördern, mussten sie die berühmten Kanäle bauen. Dafür taten sich die Eigentümer der Wiesen und Weideflächen zusammen und es begannen kollektive Arbeiten, an denen oft die gesamte Dorfgemeinschaft beteiligt war.

Im 19. Jahrhundert kam es unter dem Druck der Bevölkerungsentwicklung und der Ausweitung von Weinbauflächen zu einer erneuten Bauphase. 1924 gab es 300 Bewässerungskanäle mit einer Gesamtlänge von etwa 2.000 Kilometern (Schnyder 1924: 218). Die letzte unveröffentlichte Erhebung im Kanton Wallis fand 1992 statt. Sie zählt immerhin noch 190 Bewässerungskanäle mit einer Gesamtlänge von mindestens 731 Kilometern.